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Es war ein sonniger Herbsttag. Der Himmel leuchtete blau, ebenso der Rhein, als ich am so genannten „Deutschen Eck“ entlang spazierte. Dort, wo Mosel und Rhein sich treffen, steht seit über 100 Jahren ein imposantes Denkmal für die deutsche Einheit - mit einer wechselvollen Geschichte. Zunächst war das Denkmal mit dem Reiterstandbild für Kaiser Wilhelm I. als Erinnerung an die Kriege gedacht, die zur Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 geführt worden waren.

Zwischen 1953 und 1990 diente es als Mahnmal für die Einheit zwischen Ost und West, und seitdem wiederum als Denkmal für die deutsche Einheit. Im Schatten dieses Denkmals entdeckt man etwas ganz Erstaunliches: Rund 600 Kilometer von Berlin entfernt stehen Reste der Berliner Mauer! Die drei weißen Betonelemente erinnern an die Opfer des Aufstands vom 17. Juni 1953 und den Fall der Mauer am 9. November 1989.

Der 37 Meter hohe Bau am „Deutschen Eck“ spiegelt das Streben nach Einheit wider, das die Menschen stets begleitet – nicht nur im politischen Sinne. Menschen streben danach, gegenteilige Pole zu vereinen. Zum Beispiel Meinung und Gegenmeinung, Körper und Geist, Mann und Frau. Wieso eigentlich? Vielleicht, weil Einheit häufig gleichgesetzt wird mit Harmonie. Einheitlichkeit dagegen tendiert leicht zur Eintönigkeit. Was wäre ein Mensch ohne den anderen, an dem er sich reiben und sich selbst finden kann? Gehört es nicht zum Mensch-Sein dazu, dass Unvorgesehenes die Einheit von Körper und Geist stört? Manchmal muss der Körper dem Geist erst ins Bewusstsein rufen, dass er sich eigentlich zuviel zugemutet hat. Einheit ist erstrebenswert, Einheitlichkeit dagegen ist öde. Menschen brauchen Widerstände, die sie aus der Reserve locken. Was dann entsteht, ist Harmonie im wahrsten Sinne des Wortes: Vereinigung von Gegensätzen zum einem Ganzen.

Der Apostel Paulus weiß, dass auch in einer Gemeinde nicht nur von Einheit die Rede sein kann. Auch wenn es sich der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte so erträumt: „Täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen zu Hause das Brot, nahmen Speise mit Jubel und Schlichtheit des Herzens und lobten Gott“.

Bis heute sind Streitereien im Gemeindealltag anzutreffen. Paulus hat dafür die Erklärung: Die Gemeinde ist ein Leib, besteht aber aus vielen Gliedern (1 Kor 12). Anders kann die christliche Gemeinde nicht funktionieren: Sie bedarf der unterschiedlichen Begabungen ihrer Mitglieder. Das bringt auch manchmal Streit mit sich. Dann kann die Orientierung auf Jesus Christus Harmonie stiften. Denn als Gott und Mensch zugleich hat er alle Gegensätze in sich vereint.

Dass Gegensätzliches gleichberechtigt nebeneinander besteht, zeichnet das Profil der evangelischen Kirche aus. Unter dem Oberbegriff „Protestanten“ finden sich lutherische und reformierte Kirchen, vielfältige Freikirchen und religiöse Gemeinschaften wieder. „Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit“ – diesen Satz hat der katholische Kardinal Walter Kaspar geprägt. Er meinte Ökumene. Ein wenig mehr Harmonie wäre möglich: Wenn die evangelische Kirche mehr Sinn für Einheit, und die katholische Kirche mehr Sinn für Vielfalt entwickelt, ohne die Gegensätze zu verschweigen.

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